Interview mit Herrn Univ.-Prof. Dr. Gerd Waschbusch

Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes promovierte Professor Waschbusch 1992 zum Dr. rer. oec. mit der Gesamtnote summa cum laude. Vier Jahre später verlieh man ihm die venia legendi für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre. Seit April 2010 ist Professor Waschbusch Inhaber der C 4-Professur für Betriebswirtschaftslehre, insb. Bankbetriebslehre an der Universität des Saarlandes. Forschungsschwerpunkte des Lehrstuhls liegen im Bereich der Bankbilanzierung, der Bankenaufsicht, des Bankmarketing, der Internationalen Rechnungslegung sowie der Mittelstandsfinanzierung.

  

Spätestens seit der Eurokrise gelten die europäischen Banken als angeschlagen. Die Eigenkapitalquoten sind zum Teil sehr niedrig. Vor allem italienische Banken – allen voran die Banca Monte dei Paschi di Siena – standen zuletzt wieder vermehrt im medialen Fokus. Wie bewerten Sie die wirtschaftliche Lage des europäischen Bankensystems?

Tatsächlich leiden viele Banken unter ihrer derzeitigen Situation. Die enge Verflechtung innerhalb des Bankensystems macht zugleich die Probleme einer einzelnen Bank zu einer internationalen Angelegenheit. Erschwerend hinzu kommen die historischen Niedrigzinsen, die die Zinsmargen des klassischen Kreditgeschäftes senken, sowie die voranschreitende Digitalisierung und der spürbare Regulierungsdruck. Gleichzeitig sind viele Probleme sicherlich auch hausgemacht, wie man an den ständigen Meldungen über Manipulationen und sonstige betrügerische Machenschaften sehen kann. Hier wird der Druck also auch weiterhin hoch bleiben.

 

Auch die deutschen Banken stehen nicht besonders gut da. Der Aktienkurs der Commerzbank ist seit 2007 um 97 % gefallen. Die Deutsche Bank besitzt eine Marktkapitalisierung von etwa 16 Milliarden Euro (Stand: Oktober 2016), weist aber 63 Milliarden Euro Eigenkapital aus. Was können die Banken tun, um neues Vertrauen zu gewinnen?

Ich schätze, dass die Bürgerinnen und Bürger ihrem Berater der Sparkasse oder Volksbank durchaus Vertrauen schenken, wenn dieser einen guten Job macht. Darum ist eine Fokussierung auf das Privatkundengeschäft essentiell, um weiter Vertrauen zu sichern. Die Bank der Zukunft muss wieder zu einer Bank der Kunden werden. Neben den bereits angesprochenen Problemen ist es heute leider so, dass viele Menschen nicht mehr nachvollziehen können, was am internationalen Kapitalmarkt geschieht. Auch so mancher Banker musste im Zuge der Finanzkrise gestehen, mit Produkten gehandelt zu haben, die er selbst schon nicht mehr verstand. Verstärkt wird dieses mulmige Gefühl häufig durch die mediale Aufarbeitung. Doch nicht nur die Bürger vertrauen den Banken kaum noch, auch die Banken tun dies untereinander oft nicht mehr. In diesem Bereich wird es also auch in Zukunft noch Nachholbedarf geben.

 

Im Juni entschieden die Briten für den Austritt aus der Europäischen Union. Wird dies die europäischen Banken weiter bedrängen? Welchen Einfluss hätte ein Brexit auf den Börsenstandort Frankfurt?

Für alle Banken ist der Zugang zum europäischen Binnenmarkt essentiell, um dort möglichst barrierefrei und demnach kostengünstig ihre Produkte verkaufen zu können. Bisher konzentrierten sich globale Banken insbesondere auf den Finanzstandort London. Diese Institute müssen nun nach Alternativen suchen. Frankfurt wird davon sicherlich profitieren und tut es jetzt schon. Viele neue Banken werden mit ihren Mitarbeitern an den Main ziehen, die Mieten steigen bereits deutlich an. Als konkretes Beispiel könnte man auch den wohl anstehenden Umzug der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (EBA) nennen. Diese Institution der europäischen Union sitzt aktuell in London, welches zukünftig nicht mehr der EU angehören wird. Mit einem Umzug der Behörde nach Frankfurt am Main hatte sogar Herr Dombret, Vorstand der Deutschen Bundesbank, schon öffentlich kokettiert. Doch wird sich Frankfurt den Kuchen mit anderen europäischen Städten wie bspw. Dublin, Paris oder Luxembourg wohl teilen müssen und auch London wird nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.

  

Immer mehr werden auch Online- und Direktbanken den klassischen Geldhäusern zur Konkurrenz. Sie locken mit höherer Verzinsung und niedrigeren Entgelten. Sich dem Kostendruck beugend, werden immer mehr Stellen eingespart und viele Bankfilialen geschlossen. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Zum Teil sehr kritisch. Vertrauen gewinnt man in der Regel nicht, in dem man am Service spart. Filialen sind der Ort, in denen das Bankgeschäft erfahrbar wird, Banker sollen Vertrauen wecken. Dies können Onlinebanken schwer ersetzen. Natürlich muss man kosteneffizient arbeiten und nicht jede Filiale wird zu halten sein. Für die Banken selbst stellt diese Herausforderung zugleich ein großes Potenzial dar, sich erfolgreich für die Zukunft aufzustellen. Der Kunde wird sich an die neue Situation zwangsläufig gewöhnen müssen, wenngleich er vom stärker werdenden Wettbewerb zwischen klassischen Banken und Online- und Direktbanken auch profitieren kann.

 

Während unserem letzten Börsenwochenende in Frankfurt am Main haben wir einen Vortrag über FinTechs besucht. FinTechs sind Startups, die sich zum Ziel setzen, das klassische Bankgeschäft weiter aus den Angeln zu heben als dies Onlinebanken tun. Dazu gehören bspw. p2p lending, crowdfunding oder robo-advising. Sind die Banken auf diese neue Konkurrenz vorbereitet und wie schätzen Sie die künftigen Veränderungen des Bankgeschäftes ein?

Traditionelle Banken haben diese Entwicklung längst erkannt und auf diesem Gebiet auch schon Anstrengungen unternommen, für Kunden weiter die erste Anlaufstelle in Geldfragen zu sein. Noch vor nicht allzu langer Zeit wären bspw. Online-Banking oder gar Mobile-Banking undenkbar gewesen. Heute nutzen bereits sehr viele vor allem junge Menschen diesen Service. Leider stehen traditionellen Geldhäuser nicht an dieser Spitze der Innovationen, sondern passen sich nur langsam an, auch weil sie staatlich sehr stark reguliert werden. Der Bankkunde sollte nicht vergessen, dass ihm dies im Zweifelsfall auch von großem Nutzen sein kann. Der Erfolg der Startups liegt weniger in innovativen Entwicklungen als in einer raffinierten Umsetzung, die viele Lösungen einfacher darstellt. Damit geht unmittelbar eine gesteigerte Kundenzufriedenheit einher. Es wird weiter spannend sein zu beobachten, in welche Bahnen die fortschreitende Digitalisierung auch das Bankgeschäft lenkt.

 

Seit März 2016 liegt der Leitzins der EZB liegt bei 0 %, die Einlagefazilität bei -0,4 %. Deutsche Staatsanleihen rentieren ebenfalls mit negativen Zinsen. Der Markt ist also bereit, Gebühren zu zahlen, statt Zinsen zu erhalten. Für einen Wirtschaftsprofessor hochspannende Zeiten, nicht? Blicken Sie mit Sorge auf diese Entwicklung?

Diese Entwicklungen gilt es natürlich zu verfolgen. Die EZB möchte durch Strafzinsen die Kreditvergabe von Banken stimulieren, um damit die Wirtschaft zu unterstützen und ihr Ziel der Geldwertstabilität zu erreichen. Die niedrige Inflation hat jedoch viele Ursachen und ist bspw. auch durch vergleichsweise niedrige Ölpreise zu erklären. Ein weiteres Symptom der laxen Geldpolitik sind negative Renditen von Rentenpapieren. In der Krise gilt: return of money ist wichtiger denn return on money. Gerade institutionelle Anleger müssen ihr Geld sicher und liquide anlegen, so dass diese Anlageformen trotz des Wertverlustes nachgefragt werden. Spannend wird insbesondere die Entwicklung im Privatkundenbereich sein. Sollte sich der Trend niedriger Zinsen manifestieren, kann es passieren, dass künftig auch Privatkonten mit niedrigeren Sparbeträgen mit negativen Zinsen versehen werden. Fraglich ist sicher, ob Kunden dann nicht eine höhere Bargeldhaltung bevorzugen. Im schlimmsten Fall könnten Bank Runs die Folge sein. Eine weitere Gefahr niedriger Zinsen ist die Bildung von Preisblasen in anderen Anlageklassen. Wir beobachten in den vergangenen Jahren bspw. stark gestiegene Aktienkurse und Immobilienpreise.

 

Welche Implikationen ergeben sich daraus für den Durchschnittsbürger? Er muss für sein Alter privat vorsorgen, doch Garantieverzinsungen wackeln oder sinken in der Höhe. Kann die Börse hier eine Lösung darstellen?

Sich allein auf staatliche Alterssicherung zu verlassen, wird zunehmend schwieriger. Zudem ist es heute unheimlich schwer, Geld noch sicher – wenn es Sicherheit überhaupt gibt – rentierlich anzulegen. Wer allerdings eigenverantwortliches Investieren gelernt hat, kann so manches Entgelt sparen und damit seine Rendite erhöhen. Die Börse bietet hierzu schon immer eine Möglichkeit. Natürlich sollte man sich aber auch der Risiken bewusst sein und nur die Produkte kaufen, die man auch versteht und deren inhärente Risiken man einzugehen bereit ist.

 

Gemäß dem Deutschen Aktieninstitut besaßen 2015 nur 6,8 % der Deutschen Aktien (14 % inklusive Fonds, exklusive Anlagen durch Versicherungen). Im Vergleich zu anderen Ländern ist eine Aktienkultur hier also nach wie vor nicht heimisch. Worin liegen die Ursachen für diese Skepsis?

Historisch gesehen hat die hohe Verzinsung klassischer Geldwerte bei niedrigem Risiko als echte Alternative mit Aktien konkurriert, so dass Aktien nie im Mittelpunkt der persönlichen Geldanlage standen. In Deutschland erfreuen sich zudem Immobilien großer Beliebtheit. Gesellschaftlich sind Aktien auch nicht als zentrales Element der Vermögensallokation anerkannt und leiden bisweilen unter Vorurteilen oder schlechten Erfahrungen aus der Vergangenheit. Auch in der schulischen Ausbildung und selbst an so mancher Hochschule wird an das Thema Vermögensbildung nur unzureichend herangeführt. Hier habe ich jedoch Hoffnung. Junge Menschen interessieren sich vermehrt für ihre finanzielle Situation und niedrige Zinsen zwingen zur Suche nach Alternativen. Die Aktie drängt sich hier als einfache Möglichkeit einer Unternehmensbeteiligung auf.

 

Wie bewerten Sie, gerade vor diesem Hintergrund, die Rolle von Börsenvereinen wie der Börseninitiative Saar e. V.?

Ein solch sinnvolles Engagement ist natürlich stets begrüßenswert. Vereine wie die Börseninitiative Saar können es mit der richtigen Herangehensweise schaffen, vorhandene Lücken in der Vermittlung grundlegenden Wissens über die Funktionsweise von Kapitalmärkten zu schließen. Gleichzeitig können durch das gemeinsame Sammeln von Erfahrungen – beispielsweise mit einem Musterdepot – Hürden überwunden und Skepsis gegenüber dem Kapitalmarkt abgebaut werden. Nicht zu unterschätzen ist auch die Tatsache, dass man sich in einer solchen Interessensgemeinschaft ein Netzwerk aufbauen kann, das für viele oftmals ein erster entscheidender Schritt für die eigene Karriere darstellen kann. Generell stellt sinnvolles außeruniversitäres Engagement nicht nur für potenzielle Arbeitgeber eine gern gesehene Zusatzqualifikation dar, sondern bietet auch persönlich viele Möglichkeiten, sich weiter zu entwickeln und zahlreiche neue Erfahrungen zu sammeln.

 

Herr Professor Waschbusch, wir danken Ihnen ganz herzlich für das Interview!

Posted on November 2, 2016 .